Lettre à moi-même #2

Patricia Dreyfus

5. Dezember 202030. Januar 2021

Lettre à moi-même #2

Es sind keine Briefe, die sich die Künstlerin Patricia Dreyfus selber schreibt – sie eignet sich vielmehr ein Sprachsystem mit anderen (visuellen) Zeichen an, um auf diese Weise ein Ordnungssystem mit künstlerischen Mitteln zu entwickeln, welches ihren eigenen Regeln folgt. Dessen Bedeutungsebene und Informationsgehalt überlässt sie den Interpretationen und Wahrnehmungen der Betrachter. In der Bildfindung spielt nach eigener Aussage der Künstlerin das Unvorhersehbare eine entscheidende Rolle. lettre à moi même #2 zeigt aktuelle Arbeiten und ist gleichzeitig Einblick in das Werk der letzten Jahre: Ein Versuch, sich dem künstlerischen Prozess von Patricia Dreyfus zu nähern. Die Ausstellung bündelt ihre bekannten kleinformatigen Kopfskulpturen aus unterschiedlichen Materialien neu und stellt sie ihren Zeichnungen und Stickereien gegenüber. Der Dialog öffnet so eine zusammenhängende Betrachtung ihrer künstlerischen Arbeit. Dadurch werden Verwandtschaften unter den unterschiedlichen künstlerischen Medien sichtbar. Das Werk ist eng vom Leben der Künstlerin geprägt und kann als eine Art komplexes Tagebuch gelesen werden. Vieles bleibt fremd und entzieht sich so einer klaren Deutungsmöglichkeit. Es sind vielmehr (Körper) Zeichen, die in der Gegenwart Hinweise hinterlassen. Ihre Bilder sind gezeichnet und gestickt. Mit Stickerei arbeite sie erst in jüngster Zeit. Kennt man ihre Zeichnungen, liegt es nahe, dass ihr das traditionelle Handwerk, früher auch Nadelmalerei genannt und bis heute einer eher weiblichen Tätigkeit zugerechnet, als eine Konsequenz ihrer künstlerischen Praxis zu betrachten ist: Sticken als Rebellion. Dabei kommt ihr Fadenstrich auf vielfache Weise zum Einsatz. Immer wieder thematisiert sie weibliche Identitäten, durcheinander geratene Geschlechterverhältnisse. Sexualität und die damit auf natürliche Weise verknüpfte Mutterrolle bleiben auch in den jüngsten Arbeiten von Patricia Dreyfus – als Frau, Künstlerin und Mutter – wiederkehrende Motive. Ähnlich wie bei Louise Bourgeois in Umbilical Cord (2002) ist die Fähigkeit, Leben zu geben, und die damit unabdingbare starke körperliche Verbindung zu Menschen ein Leben lang gleichzeitig auch ein Ausdruck von ständiger Verletzbarkeit.
Die Ausstellung in der Galerie Albrecht in Berlin wird mit einigen wenigen exemplarischen Beispielen ihres plastischen Œuvre aus Köpfen und Büsten ergänzt – sie bilden innerhalb des gesamten Werkes von Dreyfus eine eigene künstlerische Position. Aus Ton oder Bronze strahlen sie etwas Rohes und Archaisches aus. Nur zu Beginn erinnern sie an die uns vertrauten und in Glasvitrinen ausgestellten Miniaturen in den Museen der Kulturen, die in ihrer Ausführung oft einem idealen Bild entsprechen. Viel individueller dagegen sind die Gesichtsausdrücke bei den menschlichen Têtes, wie die Künstlerin sie nennt. Sie erscheinen wie Portraits von Menschen, denen sie irgendwo und irgendwann begegnet ist. …

Auszug aus dem Ausstellungstext von Harald F. Theiss | Kunsthistoriker | Kurator

Patricia Dreyfus ist 1951 in Dakar, Senegal geboren. Sie verbringt ihre Schulzeit in Paris. Mit 16 Jahren verlässt sie ihre Familie, um zu reisen. Gleichzeitig beginnt sie in der Videofilmproduktion zu arbeiten. Sie etabliert sich in den folgenden Jahren als Dokumentarfilmerin und gewinnt mit La rencontre au sommet beim Filmfestival in Biarritz 1987 den Preis für den besten Film. Ihre filmischen Arbeiten werden u. a. im Institut du Monde Arabe, Paris, Centre Georges Pompidou, Paris und im Musée d’Art Moderne, Paris and Musée de Pontoise gezeigt.
Gleichzeitig lässt sie sich als Bildende Künstlerin mit Schwerpunkt Zeichnung und Bildhauerei bei Gregory Mazurovsky und an der Grande Chaumière und am American Center ausbilden.
Patricia Dreyfus hat international ausgestellt. Seit 2012 lebt und arbeitet sie in Berlin.

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December 5, 2020January 30, 2021

Lettre à moi-même #2

These are not letters the artist Patricia Dreyfus writes to herself – rather, she appropriates a linguistic system with other (visual) signs, and in this way develops, with artistic means, a classification system that follows her own rules. She leaves it up to the beholders’ perception to interpret its levels of meaning and content. The unpredictable plays a decisive role in the composition, the artist states. lettre à moi même #2 presents current works and provides at the same time insights into her oeuvre of the last few years. An attempt to approach Patricia Dreyfus’ artistic process. The exhibition brings together her well-known small head sculptures made of various materials, and contrasts them with her drawings and embroideries. In this way, they enter into a dialogue that enables a coherent consideration of her artistic work, which reveals relationships between the various artistic media she uses. The work is very much informed by the artist’s life, and can be read as a kind of complex diary. A lot remains undecipherable and thus eludes clear and unambiguous interpretation. These works are (body) signs that leave clues in the present. Her pictures are drawn and embroidered. She has only started embroidery quite recently. If one knows her drawings, it seems natural that this traditional craft, which in German also used to be called Nadelmalerei – needle painting – and to this day is considered mainly an activity of women, should be viewed a logical consequence of her artistic practice: embroidery as rebellion. Stitching with a thread is used in diverse ways. Again and again, she addresses female identities, confused gender relations. Sexuality and the role of the mother that is naturally connected to it, also remain recurrent motifs in the most recent works by Patricia Dreyfus – as a woman, artist, and mother. Similar to Louise Bourgeois’ Umbilical Cord (2002), the ability to give life, and the unavoidable strong physical connection to people, remains at the same time an expression of constant vulnerability.
The exhibition at Galerie Albrecht in Berlin is rounded off with a few examples of Dreyfus’ sculptural oeuvre of busts and heads. They form an independent artistic position within Dreyfus’ overall oeuvre. Made of clay or bronze, they have an archaic quality. Only at first sight do they remind us of the familiar miniatures displayed in glass vitrines at cultural museums that in their execution often conform to an ideal. The facial expression of the human Têtes, as the artist calls them, in contrast are much more individual. They seem like portraits of people she has met somewhere at some point. …

Excerpt from the essay on the exhibition by Harald F. Theiss | art historian | curator

Patricia Dreyfus was born in Dakar, Senegal in 1951. She spends her school years in Paris. At the age of 16 she leaves her family to travel. At the same time she starts working in video film production. In the following years she establishes herself as a documentary filmmaker and wins the prize for best film at the 1987 Biarritz Film Festival with La rencontre au sommet. Her cinematic works are shown at the Institut du Monde Arabe, Paris, Centre Georges Pompidou, Paris and at the Musée d’Art Moderne, Paris and Musée de Pontoise.
At the same time, she trained as a visual artist with a focus on drawing and sculpture with Gregory Mazurovsky and at the Grande Chaumière and American Center.
Patricia Dreyfus has exhibited internationally. Since 2012 she lives and works in Berlin.