Sachlichkeit
Der Begriff Sachlichkeit lässt an die Kunstströmung der „Neuen Sachlichkeit“ denken, die von 1918 bis 1933 andauerte und für die 1920er-Jahre typisch ist. Mit der im Jahr 1900 in Schöneberg bei Berlin geborenen und 1978 in Rostock verstorbenen Künstlerin Kate Diehn-Bitt zeigt die Ausstellung eine zu Unrecht vergessene Vertreterin dieser Strömung, die ihre Malerei auch nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzte. Ein weiterer Künstler, aus dessen Nachlass Werke präsentiert werden, ist Michael Langer. Er zählt zu den Vertretern des „German Pop“, benannt nach der 2014 unter der Leitung von Max Hollein in der Schirn Kunsthalle Frankfurt veranstalteten Ausstellung.
Sachlichkeit bedeutet, das eigene Ich zurückzustellen, sich einer Sache oder einem Menschen zuzuwenden und diese realistisch darzustellen. Die Künstler der Neuen Sachlichkeit wählten Porträts, Stillleben sowie Stadträume und Industrieanlagen, die sie politisch engagiert, idyllisch oder im magischen Realismus darstellten. Diese Auswahl der Motive wird auch in der Ausstellung beibehalten.
The term Sachlichkeit, i.e., objectivity, makes us think of the art movement New Objectivity, lasting from 1918 to 1933 and particularly associated with the 1920s. The exhibition presents works by the painter Kate Diehn-Bitt, who was born in Schöneberg near Berlin in 1900 and died in 1978 in Rostock, a representative of this movement who was unjustly forgotten and who continued painting after World War II. Another artist from whose estate we are presenting works is Michael Langner. He is one of the representatives of “German Pop”, a movement named after the 2014 exhibition at Schirn Kunsthalle in Frankfurt, then led by Max Hollein.
Objectivity means holding back one’s own self to turn to an object or a person and portray it realistically. The artists of New Objectivity chose portraits, still lifes, and urban environments as well as industrial plants, which they depicted either with a political stance, idyllically, or in a form of magical realism. This choice of motifs is also reflected in the exhibition.
Kate Diehn-Bitt wendet sich vor allem dem Menschen zu, den sie mit großer Empathie darstellt. In den gezeigten Bildern geht es stets um Situationen liebevoller Zuwendung, sei es im Porträt einer Frau, die eine weiße Taube schützend in der Hand hält, im Bild eines jungen Mannes, der einer Braut den Schleier aufsetzt, oder in der Darstellung eines Zahnarztes, der einfühlsam eine Patientin behandelt.
Kate Diehn-Bitt turns her attention above all to humans, whom she portrays with great empathy. The paintings in this exhibition deal with situations of loving attention, for example in the portrait of a woman holding a white dove protectively in her hand, the painting of a young man putting a veil on a bride’s head, or the depiction of a dentist treating a patient empathetically.
Michael Langer (1929–2022) widmet sich neben dem Menschen in einer Serie von Bildern und Zeichnungen dem Automobil. Dieses Motiv wird – ebenso wie die menschliche Figur – von ihm bewusst verfremdet und unrealistisch gestaltet. Dies erinnert an Werke von Pablo Picasso: Ist es noch sachlich? Ist es Karikatur oder bereits Pop? Die vielschichtigen Bilder entziehen sich einer eindeutigen Zuordnung. Sie zeigen Dinge und Menschen in überraschend neuer Erscheinung.
Michael Langer (1929–2022) , in addition to his paintings of human beings, dedicated a series of paintings and drawings to automobiles. He alienates this motif – just as the human figure – and depicts it unrealistically. That is reminis-cent of works by Pablo Picasso. Is it still objective? Is it a caricature or already Pop Art? The multi-layered works elude any clear categorization. They depict people and things in surprising new ways.
Rafael Cidoncha (*1952) schenkt seinen Motiven bis ins Detail große Aufmerksamkeit. Der besondere Ton seiner Werke liegt in der Farbwahl: Ein vielfach abgestuftes Grau verwandelt einen Vorhang in ein nahezu monochromes Bild, während zarte Pastellfarben eine Stadtlandschaft im Morgenlicht entstehen lassen. Es sind die Farben, die dem kühlen, sachlichen Blick eine empathische Dimension verleihen.
Rafael Cidoncha (born in 1952) devotes great attention to his motifs, down to the smallest detail. The special vibe of his works originates from his choice of colours. Different shades of grey turn a curtain into an almost monochrome painting, while a cityscape in the morning light is depicted in delicate pastel colours. It is the colours that lend the cool, objective gaze an empathetic dimension.
Bei Emese Kazár (*1971) drückt die Farbe Rot ihre mitfühlende Solidarität mit dem Schicksal der Prinzessin Margarita aus, die von Diego Velázquez in ihrer kindlichen Lieblichkeit dargestellt wurde. Bereits im Alter von 15 Jahren verheiratet, stirbt sie nach sechs Geburten mit nur 21 Jahren. Kazár vergleicht diese von der Familie vorbestimmten Frauenleben mit Seidenraupen, die allein um der Seide willen gezüchtet werden – ihr Dasein erscheint rein zweckgebunden.
In the work by Emese Kazár (born in 1971), the colour red expresses her empathetic solidarity with Princess Margarita, depicted by Diego Velázquez in her childlike beauty. She was married at fifteen, and died aged just 21, after having given birth six times. Kazár compares these women’s lives, determined by their families, with the silkworms that are bred just for the silk – their existence seems purely utilitarian.
Sabine Herrmann (*1961) verbindet Sachlichkeit mit Poesie und Traum, Realismus mit Gefühl. Im Bild „Abendlied“ beugt sich eine Frau herab, als wolle sie Strümpfe anziehen. Ihre helle Gestalt ist von dunklen Farben umgeben, die der Darstellung eine leichte Schwermut verleihen. Das frühe, fein gemalte Selbstporträt, das an Paula Modersohn-Becker erinnert, verzichtet weitgehend auf Farbigkeit und beschränkt sich auf differenzierte Brauntöne, wodurch der ernste Ausdruck des jungen Gesichts besonders hervorgehoben wird.
Sabine Herrmann (born in 1961) links objectivity with poetry and dreams, realism with emotion. In the painting Abendlied, a woman bends down as if to put on socks. Her light figure is surrounded by dark colours that lend the depiction a slight sense of melancholia. The early, delicately painted self-portrait, reminiscent of Paula Modersohn-Becker, largely foregoes colour and limits itself to differentiated shades of brown, thus stressing the young face’s serious expression.